Umbau Erweiterung Alters- und Pflegeheim Wollmatt, Dornach

Studienauftrag im selektiven Verfahren
1. Preis, Planung und Realisierung
2019 - 2028  

Ressourcenschonendes Weiterbauen und Transformormieren im Bestand - Alters- und Pflegeheim  Wollmatt Dornach
Das Alters- und Pflegeheim Wollmatt in Dornach, 1991 eröffnet, steht exemplarisch für eine Generation institutioneller Bauten, deren Grundstrukturen heute an die Schwelle zwischen Bestandserhalt und Neubau rücken. Die robuste Substanz des Gebäudes, seine klar gegliederte Schottenstruktur und die präzise gesetzte Volumetrie innerhalb des ortsbaulichen Gefüges bilden die Grundlage einer architektonischen Transformation, die den Bestand nicht ersetzt, sondern als Ressource nutzt und für die nächsten 40 Jahre ressourcenschonend weiterbaut.

Ausgehend vom sanierungsbedingten Erneuerungsbedarf der haustechnischen Anlagen nutzt das Projekt den Moment der technischen Ertüchtigung, um eine räumliche und funktionale Neuausrichtung des Hauses zu initiieren. Anstatt einen Ersatzneubau zu verfolgen, wird die bestehende Struktur in ihrer Tragfähigkeit gestärkt, räumlich nachverdichtet und durch gezielte Eingriffe auf ein zukünftiges Pflegeverständnis hin transformiert. Diese Haltung des „Weiterbauens“ wird zu einem architektonischen Prinzip: Ergänzen statt Ersetzen, Verdichten statt Erneuern.

Schichten der Transformation
Im Innern werden die Bewohnerzimmer und Nasszellen räumlich neu organisiert, um heutige IV-gerechte Standards und betriebliche Anforderungen zu erfüllen. Durch die Neuordnung der Nasszellen entstehen effizientere Pflegeabläufe, die zugleich die Aufenthaltsqualität erhöhen – ein Gleichgewicht zwischen funktionaler Anforderung und räumlicher Wohnqualität. Die ehemals flurdominierte Raumstruktur wird zu einer wohnlichen, gemeinschaftsfördernden Typologie weiterentwickelt. Die Aufenthaltszonen werden neu als „Wohnzimmer“ des Hauses wohnlich gestaltet. Das Verständnis des Pflegeheim aus seiner Entstehungszeit als "Pflegespital" wird so zu einem Wohnhaus für ältere Menschen transformiert. 

Die Eingriffe im Erdgeschoss folgen derselben Logik. Bestehende Raumgefüge werden nicht neu erfunden, sondern in ihren Potenzialen aktiviert. Durch die Erweiterung des Restaurants in den Arkadenbereich, die Öffnung der Empfangssituation und die räumliche Verflechtung von Mitarbeiter- und Besuchsbereichen entsteht ein öffentliches, durchlässiges Erdgeschoss, das die Schwelle zwischen Institution und Nachbarschaft neu definiert und das Haus zu einem "öffentlichen" Wohnhaus werden lässt. 

Aufstockung als Weiterbauen
Die neue Aufstockung in Holzbauweise fügt sich als leichtes, zurückhaltendes Volumen auf den massiven Bestand. Ihre Konstruktion folgt einer klaren statischen Logik, die die bestehende Struktur respektiert und zugleich in ihrer seismischen Stabilität ergänzt. In der Aufstockung entsteht eine eigenständige, betrieblich unabhängige Demenzabteilung mit eigenem räumlichen Charakter, der geschützt, überschaubar, von Tageslicht bestimmt ist. Die präsente hölzerne Struktur verleiht dem Haus eine neue, warme Materialität und formuliert den Übergang zwischen Alt und Neu als sichtbare Schnittstelle zweier Zeitschichten.

Der ergänzende Nordanbau stärkt das Ensemble statisch wie programmatisch. In seiner Betonbauweise übernimmt er nicht nur die Aufgabe der Erdbebenertüchtigung, sondern schafft im Zusammenspiel mit der Aufstockung ein neues Gleichgewicht des Volumens. Das Dach des Anbaus wird zur Terrasse der Demenzabteilung – ein räumlicher Gewinn, der Pflege und Naturerfahrung miteinander verbindet.

Nachhaltigkeit durch Bestand und Haltung
Das Projekt versteht Nachhaltigkeit nicht primär als technische Disziplin, sondern als kulturelle Haltung: Der Bestand wird als gebautes Gedächtnis weitergeführt, seine energetische und materielle Substanz bleibt aktiv. Die Entscheidung für den Erhalt reduziert nicht nur graue Energie, sondern bewahrt auch das soziale Gefüge eines gewachsenen Hauses mit seinen Bewohnern, seinem Personal und seiner Einbindung in die Quartiersstruktur.

So entsteht in der Wollmatt kein Neubau im klassischen Sinn, sondern ein architektonisches Weiterdenken des Bestehenden. Die Interventionen sind präzise gesetzt, ökonomisch klug und gestalterisch kohärent. Sie zeigen exemplarisch, wie sich der aktuelle Diskurs um das Weiterbauen – die Transformation der 1980er-Jahre-Bausubstanz in der Praxis zu einem zukunftsfähigen Modell institutionellen Bauens verdichten lässt.


Architekten: BGM ARCHITEKTEN
Auftraggeberin: Stiftung Alters- und Pflegeheim Wollmatt
Ort: Dornach, Schweiz
Programm: Alters- und Pflegeheim mit 69 Pflegeplätzen, Restaurant, Demenzabteilung und Tagespflege
Jahr: Studienauftrag 2018, Realisierung 2019 - 2028
Perspektiven: © BGM ARCHITEKTEN