Freiburgstrasse 139e, Bern
Projektwettbewerb im offenen Verfahren
Wohnatelier am Platz
Zweiseitige Orientierung in die Raumtiefe
Wohnzimmerküche
Orientierung Kleinwohnungen in die Weite des städtischen Raums
Neuer Pavillon / Ankerpunkt für die Nachbarschaft
Die dreieckige «Stadtscholle» zwischen Schlossstrasse, Bahnlinie und dem Topographiesprung der ehemaligen Kiesgrube bildet ein vielfältiges Mikroquartier, geprägt durch Massstabsbrüche und eine Nutzungsmischung aus Gewerbe, Industrie und Wohnen. Diese spannungsvolle Kombination verleiht dem Gebiet eine besondere Dynamik und eine unverwechselbare Stimmung. Disparat entwickelt, fehlen dem Gebiet nach grösseren Transformationen identitätsstiftende Orte eines Quartiers wie z. B. der Stadtteilpark Holligen oder die Schlossmatte der angrenzenden Quartiere. Mit den Neubauten an der Freiburgstrasse 139 E eröffnet sich die Chance, die Quartiersidentität im heterogenen Gefüge zu stärken und einen nachbarschaftlichen Mehrwert zu schaffen.
Quartiersplatz und Quartierstreff – Bausteine als Hebel der Quartiersentwicklung
Herzstück der angestrebten städtebaulichen Aufwertung ist die Neugestaltung eines Quartiersplatzes anstelle des ehemaligen Wendehammers. Der neue Platz ist zugleich Adresse für den Neubau, Quartiertreffpunkt, Spielort und Stadtraum mit Aufenthaltsqualität für Besucher*innen der Weiterbildungseinrichtungen in einem.Auf dem benachbarten Baufeld B wird ein flexibel nutzbarer Quartierspavillon vorgeschlagen, der als niederschwellige Infrastruktur für Feste, Vereinsaktivitäten oder Nachbarschaftstreffen dient und die Nachbarschaft im Quartier stärkt. Vielfältig bespielbar auf unterschiedlichen Nutzungsebenen mit kleinem Saal, gedecktem Aussenraum und Dachterrasse verbindet er die Ebene des Aussenraums Hellerhochhaus mit dem Fuss- und Veloweg zwischen Freiburg- und Schlossmattstrasse ins benachbarte Quartier. In Kombination mit der neuen Langsamverkehrsverbindung entsteht so an dieser Schlüsselstelle ein lebendiger Treffpunkt, der die Nachbarschaft belebt und die bisherige Trennung der Quartiere aufhebt. Darüber hinaus bietet die neue Wegverbindung von der Freiburgstrasse weiter über die Schlossmattstrasse eine attraktive Veloverbindung ins Stadtzentrum. Zur Schlossstrasse wird eine direkte Verbindung zum ÖV und zur Einzelhandelsinfrastruktur geschaffen.
Konzeptidee - Nachhaltigkeit + Ökonomie = Städtebauliche Setzung
Ein maximal nachhaltiges und maximal ökonomisches Projekt kann nur durch eine maximal nachhaltige und maximal ökonomische Tragstruktur erreicht werden. Konzeptansatz zum Erreichen der Projektziele ist die Wahl einer absolut optimierten und effizienten Holztragstruktur aus Stützen und Balken. Die Bauteile sind einfach, immer gleich und damit rationell und kosteneffizient zu realisieren. Das Raster ist perfekt in die Parzellengeometrie eingepasst. Durch die Drehung und Ausrichtung der effizienten Struktur entlang der westlichen Baulinie entsteht eine klare stadträumliche Kante gegen Westen. Sie bildet zusammen mit den bestehenden Gewerbebauten und dem Hellerhochhaus einen klar definierten, dreieckigen Stadtraum. Zum Quartiersplatz bildet die Platzkante eine Hauptfassade und Adresse zum öffentlichen Raum aus und eine Platzkante zum neuen Quartiersplatz mit Spielplatz. Präzis orthogonal zum angrenzenden Bildungszentrum gesetzt, wird der Stadtraum gegen Süden und gegen die Lärmquelle der Bahn gefasst. Auf der Nordseite des Gebäudes staffelt sich der Baukörper zurück und öffnet den Stadtraum gegen Osten ins Grüne zur neuen Langsamverkehrsverbindung mit dem Baufeld B und das benachbarte Quartier.
Auf der Ost- und Südseite des Gebäudes schafft das gedrehte Gebäuderaster vom Erdgeschoss bis ins zweite Obergeschoss eine zweiseitige Ausrichtung und orientiert die Wohnungen gezielt in den Freiraum zwischen Gebäude und Hangkante. Trotz der begrenzten Platzverhältnisse zwischen Haus und Hang wird räumliche Weite freigespielt, die die Wohnqualität der Wohnungen direkt vis-à-vis des Hangs deutlich verbessert.
Durch eine Zimmer- und Balkonrochade in den oberen Geschossen orientieren sich die Wohnungen in die weite Aussicht der Umgebung. Alle Wohnräume und Zimmer sind durch das optimierte Raster gleich gross und flexibel nutzbar. Herzstück innerhalb des Rasters ist eine Wohnzimmerküche für flexible Nutzungsszenarien.
Dynamische Landschaft
Die ehemalige Kiesgrube ist noch heute durch eine markante Geländekante ablesbar – ein prägendes landschaftliches Element, das bewusst wieder in Szene gesetzt wird. Durch gezielte topografische Eingriffe sowie eine differenzierte Materialisierung wird die einst dynamische Landschaft thematisiert und weiterentwickelt. Der Ort erhält dadurch eine neue Lesbarkeit, ohne seine Geschichte zu verleugnen.
Der zentrale Quartiersplatz dient als identitätsstiftender Ankunftsort. Aufgrund des sehr geringen Verkehrsaufkommens muss hier zwar auf festinstallierte Ausstattung weitgehend verzichtet werden, eine temporäre Aneignung als Spielfläche, Veloparcours oder Treffpunkt durch die Anwohner ist aber jederzeit möglich. Infrastruktur wie Veloabstellplätze, Parkierung und Entsorgungseinrichtungen wird funktional integriert, ohne den offenen Charakter des Ortes zu beeinträchtigen.
Ein neuer chaussierter Verbindungsweg zwischen der Freiburgerstrasse und der Schlossmattstrasse ersetzt die bisher informelle Trampelpfadverbindung. Er führt über den neuen Pavillon, der als Gelenkpunkt fungiert und die Verbindung zur Tramhaltestelle sowie in die ngrenzenden Quartiere deutlich verbessert. So entsteht eine barrierearme, sichere und qualitätsvolle Verbindung – ein wichtiger Beitrag zur Durchlässigkeit des Areals.
Entlang der Waldränder und Heckenbereiche wird mit einem Krautsaum in einer Hochstaudenflurzusammensetzung ein gestufter Übergang geschaffen. Diese Pflanzengesellschaften erhöhen die Artenvielfalt und bilden vielfältige Lebensräume. Der Blick aus den umliegenden Wohnungen fällt auf lichte Gehölzbereiche, die durch gezielte Pflege offengehalten werden. Bestehende einheimische Sämlinge in den Hecken werden als zukünftige Baumstrukturen gefördert, in der Strauchschicht durch bewusste Gehölzrückschnitte Licht in die Krautschicht gebracht. Ziel ist es die Biodiversität des heutigen Standorts durch die Massnahmen deutlich zu steigern.
Im Bereich der Spielinseln wird die lichte Gehölzstruktur fortgeführt – analog zu jenen Pioniergesellschaften, die sich typischerweise auf Ruderalstandorten ehemaliger Kiesabbaugebiete entwickeln. Feinlaubige, schnellwachsende Arten prägen hier das Bild. Der Spielbereich ist naturnah gestaltet: Einzelne Spielgeräte aus natürlichen Materialien ergänzen die Möglichkeiten zum freien Spiel. Unterschiedliche Materialkörnigkeiten – Wandkies, Aushubmaterial, Sand – bieten ein vielseitiges taktiles Erlebnis. Durch Bauen, Buddeln, und intensives Nutzen entstehen die Übergänge und Räume beinahe von selbst – eine Fortsetzung der dynamischen Landschaft.
Fliessende Übergänge vom stabil befestigten Quartiers- und Wendeplatz über chaussierte Wege bis hin zu locker bestockten Vegetationsflächen schaffen eine reiche Palette an Lebensräumen. Das Zusammenspiel aus Offenheit, Struktur und Vielfalt ermöglicht eine hohe Nutzungsqualität für alle Generationen – in einem lebendigen Landschaftsraum, der Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.
Nutzungsneutralität für hohe Nutzungsflexibilität
Die Wohnraum- und Zimmerschichten sind präzise auf das ökonomische und nachhaltige Konstruktionsraster abgestimmt und basieren durchgehend auf dem optimierten Achsmaß von 3.50 m. Das Raster schafft eine hohe Nutz- und Möblierbarkeit und ist bewusst offen für unterschiedliche Nutzungsweisen konzipiert. Durch die flexible Austauschbarkeit von Individual- und Gemeinschaftszimmern entsteht ein dynamisches Gefüge, das sich verändernden Lebenssi-tuationen anpassen kann. Die "Wohnzimmerküche" in den großen Wohnungen kann jeweils tags-über durch eine Doppelflügeltür um ein Zimmer erweitert und ein Durchwohnen über die gesamte Gebäudetiefe ermöglicht werden. Flexibilität liegt auch in der Mehrfachnutzung. Wird ein Zimmer von mehreren Personen (Kleinkinderzimmer/Paar) bewohnt, können freiwerdende Räume als erweiterte Wohnbereiche, Arbeits- oder Spielzimmer dienen. Abstellräume mit Fenstern in den GüWR-Wohnungen an der Süd- und Nordseite sind als Abstell- und/oder Büronische nutzbar.
Wohnatelier – Flexibel als Gewerbe oder/und Wohnen
Die gewerbliche Prägung des Quartiers wird durch flexibel nutzbare Wohnateliers im Erdgeschoss weitergeführt. Im Gegensatz zu Gewerbeflächen im Untergeschoss entstehen hier ebenerdige Räume, die sich direkt zum neuen Quartiersplatz orientieren. Dadurch entsteht eine lebendige Erdgeschosszone, die eine vielfältige Aneignung und Aktivierung der Ateliervorzone ermöglicht. Die durchgesteckten Wohneinheiten profitieren sowohl von der Öffentlichkeit des Quartiers-platzes als auch von der ruhigen Lage auf der Waldseite. Eine interne Treppe trennt die öffentlich zugänglichen Bereiche, wie Arbeiten, Empfang oder auch Wohnraum, von den etwas erhöhten, privateren Rückzugszonen innerhalb des Ateliers.
Die Wohnateliers sind flexibel nutzbar: als klassische Atelierräume, als kombinierte Wohn- und Arbeitsbereiche oder als reine Wohnateliers. Diese Flexibilität erleichtert die Aneignung durch unterschiedliche Nutzer*innen und unterstützt eine erfolgreiche Vermietung. Auf zusätzliche Gewerbeflächen im Untergeschoss wird bewusst verzichtet, da deren Erstellung im Untergeschoss zwangsläufig in Beton nicht nur mit hohen Kosten, sondern auch mit einer deutlich schlechteren CO₂-Bilanz verbunden sind. Zudem steht der potenzielle Ertrag aus einer solchen Vermietung in keinem angemessenen Verhältnis zum ökologischen und ökonomischen Aufwand. Für alle im UG sinnvollen Nutzungen wie den Schutzraum, Keller- und Technikräume müsste ein ganzes 2. UG ausgehoben werden.Insgesamt stärken die Wohnateliers die Quartiersidentität, beleben den Stadtraum und leisten einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen, durchmischten Nachbarschaft.
Begegnungen, Aneignungen, Nachbarschaften – Ateliers, Waschküche und Vorplätze
Neben den die Erdgeschosszone belebenden Wohnateliers liegt direkt neben dem Hauseingang die gemeinschaftliche Waschküche. Ihre zentrale Lage fördert nicht nur spontane Begegnungen im Alltag, sondern ermöglicht auch eine flexible Mehrfachnutzung – etwa als Treffpunkt für Zusammenkünfte und kleine Hausfeste der Hausgemeinschaft. Mit einer zum Verweilen einladenden Möblierung und einen Kaffeeautomat kann sie zum Verweilen und einen Nachbarschaftsplausch einladen. An das Treppenhaus sind pro Geschoss zwei Wohnungsvorplätze angegliedert, von denen jeweils drei Wohnungen erschlossen werden. Diese halböffentlichen Zonen fungieren als gemeinsam nutzbare Vorplätze und schaffen identitätsstiftende „kleine Nachbarschaften“ auf jeder Etage. Die sorgfältige Gestaltung von Boden, Wand und Decke unterstreicht den Übergang zwischen öffentlichem und privatem Raum und fördert die Aneignung durch die Bewohner*innen. So entstehen differenzierte Begegnungs- und Aufenthaltsräume, die die Vernetzung und die Lebensqualität im Quartier nachhaltig stärken.
Architekten: BGM ARCHITEKTEN
Team: Saum GmbH, Basel
B3 Kolb AG, Romanshorn
Auftraggeber: Fonds für Boden- und Wohnpolitik der Stadt Bern
Ort: Bern, Schweiz
Programm: Wohnhaus für preisgünstige Wohnungen mit Quartierstreff
Jahr: 2025
Visualisierungen: © BGM ARCHITEKTEN